„Ich weiß nicht ob wir uns weiter treffen sollen.“, mein Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt, versuche ich auf einem Bein stehend den zweiten Schuh zu schnüren. Mein Hund wartet bereits fertig angezogen und angeleint bis wir endlich losgehen. Erneut ertönt die leicht zerknirschte Stimme einer guten Freundin aus dem Lautsprecher, „Er spielt nicht in meiner Liga.“ Ich höre ihr weiter dabei zu, wie sie Begründungen dafür sucht, warum sie der neuen Bekanntschaft keine Chance geben sollte. Als ich die Wohnungstüre zu ziehe und dabei beinahe über meinen aufgeregten Hund stolpere, unterbreche ich sie schließlich. „Warum gehst du davon aus das er „besser“, „zu gut“ ist?“, sie stoppt in ihrem Redefluss und scheint kurz darüber nach zu denken. „Vielleicht bist du „zu gut“ für ihn. Woran misst sich wer „besser“ ist?“ Nach einer längeren Pause, erneut die zerknirschte Stimme der Freundin am anderen Ende der Telefonverbindung, „Er hat bis jetzt viel mehr aus seinem Leben gemacht. Ich weiß immer noch nicht ob das Studium die Richtige Wahl war und habe sonst auch nicht sonderlich viel erreicht.“, sie atmet erneut geräuschvoll aus.
Wir sind mittlerweile im Bezirk, in dem sich meine Wohnung befindet unterwegs und warten an einer roten Ampel. Am anderen Ende der Leitung, Stille. Sie scheint über meine Frage vorhin nach zu denken. Schließlich kommt aus dem Lautsprecher meines Smartphones ein weiteres lautes Schnaufen. „Du meinst also ich soll mich weiter mit ihm treffen?“, ich erwidere ihr darauf, wenn die bisherigen Treffen, gut gelaufen sind, sie sich gut verstanden haben, soll sie sich ruhig weiter hin mit ihm treffen. Falls es sich für sie nicht (mehr) richtig anfühlt, soll sie es besser lassen. Sie selbst weiß am aller besten ob sie sich in der Situation wohl oder unwohl fühlt. Wenn sie sich besser kennen lernen, wird sie früher oder später auch merken, dass er nicht perfekt ist. Wer ist das schon?
Ich finde es immer schwierig neue Menschen kennen zu lernen. Anfangs, mit der so genannten „rosa roten Brille“ auf unserer Nase, scheint das Gegenüber meist „perfekt“ zu sein. Wir neigen oft dazu, den Anderen auf ein imaginäres Podest zu heben. Dabei blenden wir meistens bewusst oder auch unbewusst die kleinen Macken des Anderen aus. Machen uns gleichzeitig bewusst oder auch unbewusst „kleiner“. Wir idealisieren das Gegenüber und sehen über die eine oder andere Kleinigkeit hinweg. Setzen uns selbst und auch den Anderen damit unter Druck die recht hoch gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Wenn ich davon aus gehe, dass mein Partner oder meine neue Bekanntschaft, sportlicher, intelligenter, redegewandter, kreativer etc. ist, versuchen ich meistens mich selbst zu verbessern um ihm oder ihr gleich gesetzt zu sein.
Oftmals fangen wir an uns zu verstellen, weil wir die Befürchtung haben, das Gegenüber könnte uns sonst abweisen. Dadurch verstärken wir nur unsere innere Unsicherheit und trainieren uns unterbewusst an, uns anzupassen. Zu verbiegen um ins Bild zu passen um dazu zu gehören. Die Angst vor Zurückweisung wächst damit. Dem Gedanken, man wäre nicht gut genug, so wie man ist, wurde die Tür geöffnet. Dabei ist es meiner Meinung nach wichtig nicht zu vergessen, dass man mit dem Anderen auf Augenhöhe steht. Es gibt keinen „Besseren“, das Gegenüber hat schlicht und ergreifend andere Stärken, dafür auch andere Schwächen als man selbst. Meiner Meinung nach ist es recht problematisch, wenn solche „Podeste“ errichtet werden. Nicht nur für denjenigen der auf ein solches Podest gehoben wird, sondern auch für die Person die dieses Podest geschaffen hat.
Ich neige in Freundschaften und Beziehungen auch recht schnell dazu, solche Podeste zu errichten. Ich habe etwas Zeit gebraucht um mir darüber bewusst zu werden. Wenn ich mittlerweile merke, ich beginne wieder damit jemanden zu idealisieren, mache ich mir bewusst, was ich bis jetzt alles erreicht habe. Auf welche Erfolge ich bis jetzt stolz sein kann und auch wirklich stolz bin. In den letzten Monaten habe ich schließlich festgestellt, ich möchte mich aktuell auf mich selbst konzentrieren. Möchte an mir und meinen Zielen Arbeiten. Persönlich und auch karrieretechnisch. Diese Erkenntnis, nicht unbedingt jemanden zu „brauchen“, auch alleine zufrieden zu sein wahr bis jetzt eine der wichtigsten Erkenntnisse dieses Jahres für mich. Ich habe mir damit selbst etwas Druck genommen und begonnen die Zeit die ich alleine verbringe mehr wertzuschätzen. Schließlich bist du selbst die Person die dir 24/7 Gesellschaft leistet. Daher solltest du dich auch in deiner eigenen Gesellschaft wohlfühlen. Auch wenn das nicht immer so einfach ist.